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Philosophie

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watzz 20.03.2019 15:07 Der Sinn des Lebens - reloaded  T A X
Liebe Philosophi,

ein berufsmäßiger Philosoph erzählte mir mal seinen schlimmsten Alptraum: Er wird bei einer Cocktailparty nach Nennung seiner Profession gefragt: "Soso, ein Philosoph also, sagen Sie mir dann mal schnell: Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?"
Er meinte dazu, das sei wie einen Physiker zu fragen: Stimmt das mit den Quanten jetzt eigentlich so? oder einen Theologen: "Wie ist das jetzt mit diesem Gott, gibts den?"

Seit die Sinnfrage in der neueren Form 1"Was ist der Sinn des Lebens?" irgendwann im 19.Jahrhundert durch gelangweilte Romantiker den Einzug in die Populär-Philosophie fand (und natürlich seit Erfindung des Internets), kommt kaum ein Philosophieforum ohne einen Hin- und Wieder-Bezug zu dieser Fragestellung aus.
Damit ähnelt die Sinnfrage irgendwie der Midlifecrisis oder dem Wunsch nach erfüllterem Dasein. Zum Überleben nicht unbedingt wichtig, aber wenn der Bauch gefüllt ist und die Kinder Ruhe geben, kann man mal darüber nachsinnen.​

Ich möchte hier mal 5 Möglichkeiten darstellen, wie man sich dieser Frage erwehren kann. vielleicht nicht imm ganz philosophisch solide und belastbar, aber das ist die Sinnfrage meiner Meinung nach auch nicht.

1.  Der Perspektivenansatz (Guck mal wer da spricht)
2.  Der einfach philosophische Ansatz (Was ist der Sinn von "Sinn"?)
3.  Der Woistdas Problem-Ansatz (ne schnelle Lösung für Leute, die es gerne klar und knapp haben)
4.  Der Sumsum-Ansatz (schnelle Antworten für die nächste Cocktailparty)
5.  Jetzt wird’s ernst (Der Sinn ganz tief innen)

Probieren wir diese Fragen also mal aus und gucken was dann passiert. 
watzz 20.03.2019 15:10 Der Sinn des Lebens - reloaded  « T A X
Was ist der Sinn des Lebens?​


1. Erste Überlegung: Guck mal wer da spricht.

Wenn du nach dem Sinn des Lebens fragst, fragst du dann nach deinem Sinn des Lebens, meinem oder nach einem gemeinsamen Sinn aller Menschen?
Hmm, interessante Frage. Falls ich nach dem Sinn des Lebens meines Gegenüber frage, muss ich akzeptieren was er mir sagt, d.h. es gibt erstmal keine Diskussion:
"Was ist der Sinn deines Lebens?", "Ich baue gerne Walfischmodelle aus Mozartkugeln", "Ok, danke für die Auskunft." fertig.

Will ich den Sinn meines Lebens wissen (angenommen ich kenne ihn noch nicht) bin ich aber mit diversen Selbsterfahrungstechniken wahrscheinlich besser beraten. Zu diskutieren gibt es da auch eher weniger, zumindest so übergreifend philosophisch (es interessiert die Umwelt wahrscheinlich auch eher weniger wenn ich dann den Sinn meines Lebens im Brezelsortieren finde oder in einem einfachen "Goonk").

Bleibt der - imho der häufigere Fall - dass man nach einem übergreifenden Sinn fragt.

Was ist der Sinn unser aller Leben?
(das impliziert übrigens schon eine ziemlich harte Forderung, nämlich dass es überhaupt so etwas wie einen gleichen Sinn für alle unterschiedlichen Menschen gibt. Imho ziemlich verwegen das so ohne Anlass zu postulieren)Formulieren wir es etwas neutraler:

Was ist der Sinn des Lebens der Menschen?
Ok, soweit erster Schritt.


2. Zweite Überlegung. Was ist der Sinn von "Sinn"?​

Was ist mit "Sinn" hier eigentlich gemeint?
Im Deutschen (und einigen anderen Sprachen) ist "Sinn" ziemlich mehrdeutig. "Sinn" kann für "Bedeutung" stehen, für "Ziel" für "Ursache". für "Zweck" für "Absicht" und für einiges mehr.

• Nehmen wir mal Ursache: Was ist die Ursache des Lebens der Menschen? Hmm, würde ich an die Biologie verweisen. Hübsche, da einfache Antworten. Falls nicht ausreichend an die Physiker, falls dort nicht ausreichend an die Kausaltheoretiker. Können wir imho schnell beantworten.

• Nehmen wir Ziel: Was ist das Ziel des Lebens der Menschen? Klingt irgendwie seltsam, würde ich mal auf den Seltsam-Haufen für später legen.

• Nehmen wir Absicht: Was ist die Absicht hinter dem Leben der Menschen? Gute Frage, impliziert aber dass es jemanden gibt der eine Absicht haben kann und auch mächtig genug ist, die Menschen darin einzubeziehen. Also ein bewusstes Wesen mit hinreichend Macht. Führt irgendwie zu Gott. Ist also philosophisch damit erledigt und dementsprechend unbefriedigend, aber letztlich einfach zu beantworten. "Der Sinn liegt in Gott."Merke dabei: Fragen nach dem Sinn Gottes sind im allgemeinen dann nicht mehr zugelassen. Irgendwie doch unbefriedigend.

• Nehmen wir Zweck: Was ist der Zweck des Lebens? Ups? Klarer Kandidat für den Seltsamhaufen.
So oder so, sobald wir den mehrdeutigen Begriff "Sinn" durch eine seiner möglichen Bedeutungen ersetzen, klingt es mal um einiges harmloser.
watzz 20.03.2019 15:12 Der Sinn des Lebens - reloaded  « T A X
3. Dritter Schritt: Der Seltsamhaufen - wo ist das Problem?

Auf dem philosophischen Seltsamhaufen liegen gerne seltsame Dinge (was sonst?). Z.B. "das Ding für sich", "das Nichts", "das Unsagbare", "die Unterseite des Gelb." und andere seltsame Sprachmonster.
Imho liegt da auch irgendwo "der Sinn von x."

Wir hatten ja auch zwei Kandidaten für diesen Haufen. Das "Was ist das Ziel vom Leben?" und "Was ist der Zweck des Lebens?". irgendwie stimmen die mit meinem Sprachempfinden nicht ganz überein.
Was ist der Zweck eines Baumes? das fragt man sich doch irgendwie automatisch nach dem "Wobei?" der Zwecke eines Baumes in der Forstwirtschaft ist ein anderer als im Obstanbau oder in meinem Vorgarten. Ok, dann nochmal: "Was ist der Zweck eines Baumes in der Holzwirtschaft? Er ist der Holzlieferant." ah, klappt doch gut.

• Was ist der Zweck des Lebens in der Istdasschön-Philosophie? Dort ist der Zweck allen Lebens schön zu sein (Lehrsatz 34, Abschnitt 564). Einfach und untersuchbar.

• Was ist der Sinn des Lebens in der Evolutionstheorie? Noch mehr Leben.

• Was ist der Sinn des Lebens in diversen Religionen? Ein gottgefälliges Leben.

Warum ist das jetzt so einfach? Weil wir einen Kontext angegeben haben.
Was ist der Sinn des Lebens "in", "bezüglich", etc.
Der Semantiker sagt dazu auch "Sinn" ist ein 2-stelliges Prädikat.
So wie "größer als" auch zweistellig ist.

Beispiel:
Frage: Was (1. Stelle) ist normalerweise größer als eine Ameise (2.Stelle) ?
Antwort: Ein Elefant (1. Stelle) ist normalerweise größer als eine Ameise (2.Stelle).
Größer ist also ein 2-stelliger Ausdruck.
Die Frage "Was ist größer als?" ist dagegen irgendwie doof, weil an der zweiten Stelle nix steht.
Und - tätaträh - bei "Sinn" ist das genau das gleiche.

Lösung: "Sinn" ist auch zweistellig. Etwas macht Sinn bezüglich etwas anderen. Dann ist das ganz imho ganz einfach.



4. Der Sumsum-Ansatz - Der schnelle Tod des Sinnvollen (für die nächste Cocktailparty)


"Der Sinn des Lebens ist das Leben."
ok, klingt so wie "Der Sinn des Stuhles ist der Stuhl." also einfacher, "Das Leben hat keinen Sinn." wie die meisten Selbstbezüglichkeiten, wirkt das auf unser Hirn meist zuerst recht verwirrend, hier ist es aber imho nur doof (im Gegensatz zu dem logischen Theaterstück "Heute denotiert sich Frau Schmitz selbst." das ist wiederum cool).
"Der Sinn des Lebens ist die Liebe." Auch nicht schlecht, einfach was gut klingendes aber noch vagereres einsetzen. "Der Sinn des Lebens ist die Schönheit."
"Der Sinn des Lebens ist nach dem Sinn zu suchen", klasse, das ist aber nochmal so was von nichtssagend, fehlen nur noch Buddhistische Indianerweisheiten.
Oder der finale Schuss: "Der Sinn des Lebens wird wohl für immer unergründlich bleiben." (dabei unbedingt ernst dreingucken). Peng. Fertich. Alles gesagt. Problem erledigt. Sinn is nich. Weiter auf der Speisekarte.
watzz 20.03.2019 15:14 Der Sinn des Lebens - reloaded  « T A X
5. Der Sinn ganz tief drin.

Hat das jetzt großartig überzeugt?
Wird irgendjemand, der bisher nach "dem Sinn des Lebens" suchte, seine Antwort gefunden haben?
Imho nein!

Warum?
Weil die Frage nach dem Sinn des Lebens nur für die philosophisch sinnvoll (!) beantwortbar ist, die die Antwort nicht sonderlich interessiert.
Ist das jetzt ZEN? Nö, nur etwas Psychologie.

In vielen Fällen wird die Frage nach dem Sinn des Lebens  von Menschen gestellt, die Probleme haben, die sich in einer "Sinn"-Krise befinden oder ähnlichem. Die, wie die "Warum gerade ich??" fragen dem Universum mit Inbrunst entgegen schleudern.
Die wollen natürlich keine Antwort haben wie ""Sinn" ist nur mal ein zweistelliges Prädikat." sondern die wollen Trost. Sie wollen irgendetwas, was ihre Probleme beseitigt.
Sie wollen sich danach besser fühlen.
Unpassend sind also auch Antworten wie: "Die Evolution hat dich aussortiert.", "Gott mag dich eben nicht.", "Du bist halt ein Pechvogel." und ganz besonders natürlich: "Denk mal darüber nach, was du mit dieser Sinn-Frage eigentlich meinst."
Schon besser ist: "Das Leben ist halt ein Jammertal." oder "Jeder muss mal sterben." Seltsamerweise tröstet es viele Menschen, wenn es anderen auch schlecht geht.
Die einzige sinnvolle Antwort ist aber imho: "Mach dir keine Sorgen, alles wird gut." (oder entsprechendes).

Also: Wenn ihr die Frage nach dem Sinn ges Lebens beantworten wollt guckt euch zuerst den Fragesteller an.
Ist er philosophisch spielerisch veranlagt, erzählt ihm was von Kontexten und Prädikaten.
Hat er Sorgen, tröstet ihn oder schenkt ihm eine Mozartkugel.

Will er euch aber auf einer Cocktailparty auf die Probe stellen, sagt: "Das Leben hat keinen Sinn außer dem den man ihm gibt.", "Der Sinn des Lebens ist die Linke Seite der letztlichen Erfüllung." oder "Leben heißt mit Vornamen lieben." der sonst etwas quarkiges. Bis er drauf kommt, dass ihr Unsinn erzählt habt, seit ihr mindestens schon am Büfett.


Grüße
Watzz
 ·  AnnaCMander 21.03.2019 09:35 Der Sinn des Lebens - reloaded  « X
Hallo und guten Tag, Watzz, ich habe versucht, dir ausführlich zu antworten, dazu gehört natürlich auch das, was ich in dem Parallelthread zum "letzten Tag"geschrieben habe, auf den ich mich hier beziehe. Trotzdem bleiben naturgemäß immer Lücken. Das Denken des Denkens führt ganz von selbst immer weiter, das liegt in seinem Wesen. In dem Parallelthread werte ich das aristotelische Konzept in einem Punkt anders als hier, eine Inkonsistenz. Allerdings liegt dem nur ein etwas anders gewählter Rahmen zugrunde, die aristotelische Teleologie des Verhaltens ist auf jeden Fall grundlegend und spielt auch heute noch eine bedeutende Rolle.

Grüße, AnnaCMander

Ps.: Natürlich weiß ich deine impulsivere Art, zu denken und zu schreiben, durchaus zu würdigen. Andere Gewohnheiten eben ;) d.O.
Bearbeitet am 21.03.2019 11:05 von AnnaCMander 

AnnaCMander 20.03.2019 19:12 Der Sinn des Lebens - reloaded  « T A X
"Was ist der Sinn des Lebens?"

Ich nehme an, dass du zu diesem Thread u. a. durch die Erörterungen in dem nderen Thread "Wenn du nur noch 1 Tag zu leben hättest…" angeregt wurdest. An dieser Stelle habe ich mich z. T. sehr ausführlich geäußert, und, ja. Ich dachte auch: Der Sinn des Lebens, mal wieder … Denn das hatten wir ja alles schon einige Male, und ich war damals auch beteiligt, wenn ich so zurückdenke. Manches habe ich schon damals zu erläutern versucht, und hier bemühe ich mich erneut. Vielleicht antwortest du mit dem jetzt neu eröffneten Thread z. T. auch auf Bemerkungen, die ich dort aufschreibe, ich verstehe es jedenfalls so und möchte das als Anregung nehmen.

Es scheint mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass der ganze Dreh des anderen Threads ja durch die Eingangsbemerkungen zu dem "letzten Tag" bestimmt ist, den ich als indirekte, verkappte und dabei falsch verstandene Frage eben nach dem Sinn des Lebens interpretiere. Und den ich in dieser Form und in der Meinung, es könne einen auf irgendeine Weise von einem Außen aufoktroyierten quasi objektiven Sinn des einzelnen Lebens (eines Menschen), eine Art Bestimmung, die zu erfüllen wäre, geben, deutlich zurückweise. Darin stimmen wir überein. Und ganz gewiss auch in anderen Punkten. Immerhin, und um Redlichkeit walten zu lassen, gab und gibt es immer auch Menschen, die ihr Leben ganz in den Dienst einer höheren Sache gestellt haben oder stellen. Jesus war so einer (man muss deshalb nicht seine Überzeugungen annehmen, aber er ist für sie gestorben), Julian Barnes lebt für das Schreiben, und ich bin froh darüber, manche meiner Freunde sind Ärzte geworden, um in anderen Ländern zu helfen usw. Es kann sinnvoll sein (und nicht bloß Ausdruck einer subjektiven Krise oder von "Problemen"), sein Leben unter die Bestimmung eines Sinns zu stellen oder nach einem solchen für sich zu suchen, vielleicht auch nur für eine bestimmte, gesonderte Zeit. Es gibt also durchaus so etwas wie Lebenssinn, der sich als Antwort auf die große Frage erweisen kann, ob das Leben (immer: mein Leben) einen Sinn haben kann, eine höhere Zweckbestimmung über mein bloß subjektiv Selbstbezogenes hinaus. Da das unbestreitbar ist, muss es mit dem Wort Sinn bei uns im Deutschen schon eine besondere Bewandtnis haben.

Wenn ich deine Bemerkungen lese, spüre ich bei mir eine Ambiguität, manchem möchte ich gleich zustimmen, anderes lässt mich hier zur Feder greifen, um es richtig zu stellen.

Zunächst zum Wort: Es stammt aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen und meint dort Richtung, Weg, reisen, gehen, auch Gedanke, Plan. Wir gebrauchen es heute noch in der Redensart "im Sinn des Uhrzeigers", und das alte Wort "sinnan" findet sich heute in "sinnen" - einem Gedanken nachhängen - , und dass ein Gedanke einen Sinn hat und eine Aufmerksamkeits- oder Denkrichtung anzeigt, leuchtet auch ein. So aufgefasst, ist jede unserer selbstbewussten Lebensregungen ein Sinngeschehen, das wir verstehen und in dem wir uns verstehen. Es kommt hin
AnnaCMander 20.03.2019 19:16 Der Sinn des Lebens - reloaded  « T A X
Fortsetzung

Es kommt hinzu, dass wir - als einzige Lebewesen auf diesem Planeten - unsere Welt als Umwelt schaffen, indem wir die Dinge in ihr benennen und uns über sie in Systemen symbolischer Formen verständigen. Das heißt: Wir sind sinngenerierende und Sinn verstehende Wesen. Das ist die Basis.

Von diesen Überlegungen lasse ich mich auch in dem anderen Thread leiten. (Nb.: Ich gehe auf Frege u.a. aus der analytische Philosophie hier nicht ein, weil sie hier nicht weiter helfen.)

Aber ich will doch Luhmann zitieren, da er seinen gesamten Überlegungen in der Philosophie der Gesellschaft den Begriff von Sinn zugrundlegt:

"dass weder die Theorie noch die Gesellschaft selbst das überschreiten kann, was als Sinn immer schon vorausgesetzt sein muss. Denn ohne von Sinn Gebrauch zu machen, kann keine gesellschaftliche Operation anlaufen. Die Eigenart des Mediums Sinn ist ein notwendiges Korrelat der operativen Schließeng von erkennenden Systemen. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen und nicht etwa eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt." (aus: Die Gesellschaft der Gesellschaft).

Solche Überlegungen zum Begriff Sinn als einem für menschliches Sein grundlegendes und unterscheidendes Element liegt übrigens auch der gesamten phänomenologische Philosophie seit Husserl bis heute zugrunde.

Das heißt: Ich unterscheide zwei Bedeutungen von Sinn, die jedoch jeder für sich - und womöglich auch in einem hier noch nicht erörterten Zusammenhang - aufzufassen sind und in unserem Leben eine Rolle spielen.

Wenn auch die jesushafte (etwas salopp) Variante den größeren Eindruck macht und gewiss populärer daherkommt, spielt doch die phänomenologische (übrigens stark von Hegel hergeleitete Bedeutung die eigentlich fundamentale Rolle. Schon in dem Luhmann-Zitat klingt an, dass Sinn als grundlegendes Medium menschlichen Seins seine Herkunft unserer Seinsverfassung als sprechende Wesen innerhalb einer auf gemeinsame soziale Praxis angelegten Gesellschaft verdankt.

Wir sind sinnerzeugende Wesen, ich weise immer darauf hin, weil sich vieles daraus verstehen lässt. Und hier ist unter Sinn eben nicht die mainstreamige Variante einer irgendwie höheren Bedeutung und Absicht zu verstehen, sondern die immer schon in unserem Bewusstsein gegebene Bewandtnis, die es mit dem je gerade Anliegenden auf sich hat. Mit diesem haben wir es ständig zu tun, und ihm müssen wir gerecht werden, das ist unser Lebensalltag.

Du stößt dich, glaube ich nach wiederholtem Lesen, vor allem an der von mir etwas beiseite geschobenen Bedeutung eines "höheren" Sinns. Mit viel Recht, denke ich.
Bearbeitet am 20.03.2019 19:22 von AnnaCMander 
AnnaCMander 21.03.2019 13:54 Der Sinn des Lebens - reloaded  « T A X
Fortsetzung 2
Ich wollte noch auf einige Aspekte und Formulierungen deines Beitrags eingehen, um nichts zu übersehen. Bei nochmaligem genauen Lesen wird mir klar, dass du tatsächlich ausschließlich von dem "Sinn des Lebens" in der von mir erörterten extern-objektiven Bedeutung sprichst, und dazu habe ich nun wohl alles gesagt. Eine solche externe, im Voraus für mich festgelegte quasi Gesamtbestimmung kann von religiösen Überzeugungen angenommen werden, und das muss man dann so stehen lassen, wenn es nicht allzu abstrus daherkommt. Oder es handelt sich um ideologische Theoreme, denen man dann philosophisch beizukommen versuchen kann, obwohl Ideologien sehr uneinsichtig sein können. Du bringst kein Beispiel dafür, aber man könnte gewisse sehr linke Spielarten eines falsch verstandenen Marxismus mit dem Ziel der Diktatur des Proletariats dazu zählen. Manche biologistischen Evolutionisten gehören auch in diese Kategorie.

Völlig von solchen Positionen unterschieden sind Menschen, die ihr Leben einer überindividuellen Idee - dem Dienst an Benachteiligten z. B., widmen oder auch andere, die einfach nicht bloß ans gute Leben gekettet sein, sondern vielleicht in ihrem beruflichen Tun von ihrer bloß eigennützigen Lebensauffassung los kommen wollen. Auch sie setzen ihrem Leben einen besonderen Sinn, und sie haben alles Recht dazu.

Von dem allen erst mal unterschieden (und doch unterschwellig von ihm geleitet und gespeist) ist die Bedeutung und Funktion von Sinn, die sich erst in der genauen philosophischen Analyse des menschlichen Tuns und Verhaltens überhaupt zu erkennen gibt. Der Anfang liegt, wie ich gezeigt habe, bei Aristoteles, der Verhalten oder Tun immer als auf ein Telos, Ziel gerichtet darstellt. Dieses, so schreibt er, liege als intentionale Ausrichtung des Bewusstseins jedem Handeln zugrunde, wohnt ihm ein. Jedes Verhalten hat eine Absicht, und dies macht seine Sinnhaftigkeit aus.

Dies ist übrigens die Stelle, an der unsere philosophische Tradition genau vor einem Scheideweg steht, denn man kann - in der Folge - diese Absicht, das Telos, als ein besonderes und für sich Seiendes in der Bedeutung eines Lebenssinns verstehen oder eben als die immer schon mit dem Bewusstsein gegebenen Intentionalität, als immanente Sinnhaftigkeit des Handelns in einer von Bewandtniszusammenhängen erschlossenen (Um-)Welt. Dies ist die fundamentale Einsicht in den "Sinn von Sinn", die in der nacharistotelischen Philosophie ausgearbeitet wird, von den Stoikern über Augustinus, Descartes usw. über die Phänomenologie bis heute. (So fügt sich ja auch die Sprachphilosophie seit Wittgenstein in die Überlieferung.)

In diesem Verständnis ist menschliches Leben, Dasein, schon immer mit Sinngebung, Produktion von Sinn verbunden, i s t eben dies, und das bedeutet, wie ich weiter oben und in dem Parallelthread geschrieben habe, (ich zitiere mich hier selbst): "Damit bin ich zugleich auf den, der ich jeweils bin, festgelegt. Ich bin immer die Summe meines Handelns und
 ·  AnnaCMander 21.03.2019 13:59 Der Sinn des Lebens - reloaded  « X
Fortsetzung 3

In diesem Verständnis ist menschliches Leben, Dasein, schon immer mit Sinngebung, Produktion von Sinn verbunden, i s t eben dies, und das bedeutet, wie ich weiter oben und in dem Parallelthread geschrieben habe, (ich zitiere mich hier selbst): "Damit bin ich zugleich auf den, der ich jeweils bin, festgelegt. Ich bin immer die Summe meines Handelns und Denkens, und wenn ich wissen will, wer ich bin, muss ich meinen Blick rückwärts richten und mir mein Leben aus der Erinnerung erzählen".
 ·  watzz 14.06.2019 13:45 Der Sinn des Lebens - reloaded  « X
du schreibst:

"Oder es handelt sich um ideologische Theoreme, denen man dann philosophisch beizukommen versuchen kann, obwohl Ideologien sehr uneinsichtig sein können. Du bringst kein Beispiel dafür, aber man könnte gewisse sehr linke Spielarten eines falsch verstandenen Marxismus mit dem Ziel der Diktatur des Proletariats dazu zählen. Manche biologistischen Evolutionisten gehören auch in diese Kategorie.

Völlig von solchen Positionen unterschieden sind Menschen, die ihr Leben einer überindividuellen Idee - dem Dienst an Benachteiligten z. B., widmen oder auch andere, die einfach nicht bloß ans gute Leben gekettet sein, sondern vielleicht in ihrem beruflichen Tun von ihrer bloß eigennützigen Lebensauffassung los kommen wollen. Auch sie setzen ihrem Leben einen besonderen Sinn, und sie haben alles Recht dazu...



nein, ideologische Bezüge sind hier nicht gemeint, denn dann würde wir ja gerade auf überindividuelle Ideen referieren müssen. Externe Bezüge: Dienst an anderen, Mozarkugeln, etc. wurde ja bereits erwähnt.

Du schreibst weiter unten:
""Damit bin ich zugleich auf den, der ich jeweils bin, festgelegt. Ich bin immer die Summe meines Handelns und Denkens, und wenn ich wissen will, wer ich bin, muss ich meinen Blick rückwärts richten und mir mein Leben aus der Erinnerung erzählen". "

Das finde ich sehr gut formuliert und stelle ihm zu.

Mein Anliegen war - kurz gesagt - zu zeigen, dass uns die Sprachanalyse zeigen kann, warum die Frage nach dem "Sinn des Lebens" keine definitive und kurze Antwort hat, wie z.B. die Frage nach der Hauptstadt von Frankreich und warum es uns so schwer fällt, das zu akzeptieren.

Dass wir also entweder unsere Frage sorgfältiger formulieren müssen oder uns fragen sollten, warum wir überhaupt fragen.
 ·  watzz 14.06.2019 13:33 Der Sinn des Lebens - reloaded  « X
Du schreibst hier:

".. Es kommt hinzu, dass wir - als einzige Lebewesen auf diesem Planeten - unsere Welt als Umwelt schaffen, indem wir die Dinge in ihr benennen und uns über sie in Systemen symbolischer Formen verständigen. Das heißt: Wir sind sinngenerierende und Sinn verstehende Wesen. Das ist die (...)

Aber ich will doch Luhmann zitieren, da er seinen gesamten Überlegungen in der Philosophie der Gesellschaft den Begriff von Sinn zugrundlegt:

"dass weder die Theorie noch die Gesellschaft selbst das überschreiten kann, was als Sinn immer schon vorausgesetzt sein muss. Denn ohne von Sinn Gebrauch zu machen, kann keine gesellschaftliche Operation anlaufen. Die Eigenart des Mediums Sinn ist ein notwendiges Korrelat der operativen Schließeng von erkennenden Systemen. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen und nicht etwa eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt." (aus: Die Gesellschaft der Gesellschaft).
.."


dem stimme ich zu Sinn wird verliehen, er existiert nicht per se. Auch finde ich den Bezug von Luhmann hier sehr treffend.
Allerdings würde ich das nicht unbedingt an den Menschen knüpfen, so wie ich Luhmann verstehe ist das entscheidende das systemische, das kommunikative - erst einmal unabhängig davor auf welchem Medium wir das untersuchen, ob Mensch, Maschine oder Schwarm.
watzz 14.06.2019 13:26 Der Sinn des Lebens - reloaded  « T A X
Hi AnnaCMander,

bitte entschuldige meine späte Antwort, ich bin nicht mehr so oft hier und deine Ausführungen bedürfen etwas sorgfältigeren Antworten.

zum höheren Zweck, du schreibst:
" ... sein Leben unter die Bestimmung eines Sinns zu stellen oder nach einem solchen für sich zu suchen, vielleicht auch nur für eine bestimmte, gesonderte Zeit. Es gibt also durchaus so etwas wie Lebenssinn, der sich als Antwort auf die große Frage erweisen kann, ob das Leben (immer: mein Leben) einen Sinn haben kann, eine höhere Zweckbestimmung über mein bloß subjektiv Selbstbezogenes hinaus. .."

ja, allerdings erscheint mit eine jede Auswahl hier immer als individuell und damit willkürlich. als entscheidend sehe ich hier dein "über mein bloß subjektiv Selbstbezogenes" also einen Bezug auf etwas externes - ich wählte dafür oben als Beispiel die Mozartkugel. Das mag zuerst etwas provokant wirken, weißt aber imho auf den Fakt des externen Zieles hin.
Bearbeitet am 14.06.2019 13:27 von watzz 
 ·  AnnaCMander 17.06.2019 11:34 Der Sinn des Lebens - reloaded  « X
Hallo Watzz,

danke für deine Antwort! Es ist ja in Ordnung, dass du damit gewartet hast. Ich habe eben noch mal ein bisschen nachgelesen: Der Stil, kaum die Substanz, unterscheidet uns. Im Wesentlichen stimmen wir überein, und es ist ja erfrischend, deine eigene Art, ein gemeinsames Thema zu beschreiben, zu erkennen.

Ich bin inzwischen auch seltener hier, das philosophische Bedürfnis ist ja nicht so ausgeprägt. Seltsam genug, dass die Sinnfrage immer wieder auftaucht, bisweilen in verkleideter Form, die hier den Anstoß gegeben hat.

Aber Ximig ist wohl eher zum Plaudern geneigt, und der Sprung auf die Metaebene gerät schnell ins Abseits.

Manchmal kann ich es trotzdem nicht lassen, ich möchte dann ausprobieren, ob es mir möglich ist, komplexe Zusammenhänge auf engem Raum darzustellen. Oder einfach rufen: "Hey , Leute, dahinter steckt doch etwas mehr!" Eine Art Herausforderung für mich. Oder eine Schwäche :-)
Bearbeitet am 17.06.2019 11:35 von AnnaCMander 
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